EINE BRUDERSCHAFT: WOZU?
Mortagne-au-Perche und die
Bruderschaft der
Blutwurstritter
Die "Confréries", die Bruderschaften? Sie sind als Nachkömmlinge der früheren religiösen Orden oder beruflichen Innungen zu betrachten, die es sich zum Ziel gemacht haben, sich unter der Leitung eines "Grand-Maître" (des Großmeisters) für ein bestimmtes Erzeugnis ihrer Region einzusetzen. Allein an gastronomischen Bruderschaften gibt es in Frankreich mehrere Hundert. Sie haben jede ihre besondere, meistens phantasievolle, malerische Tracht. Die ältesten und bekanntesten sind wohl die Bruderschaften, die eine bestimmte Weinsorte in Ehren halten, aber es gibt natürlich auch Bruderschaften, die « gastronomischen Bruderschaften », die traditionnelle Produkte, Käse, Gänseleber, Calvados (Apfelbranntwein), Austern, besondere Gerichte oder gar allgemein die gute Küche verteidigen, bekannt machen, vor der zunehmenden Standardisierung und der geschmacklichen Verflachung, oder sogar vor dem Verschwinden retten wollen. Viele veranstalten aus diesem Grund Wettbewerbe, damit die besten Hersteller in der Öffentlichkeit zur Geltung kommen oder ganz einfach ihren Ruf verteidigen können. In gewissen Regionen haben sich die verschiedenen Bruderschaften zu "Académies gastronomiques" « (gastronomischen Akademien ») zusammengeschlossen, und so gehört die "Confrérie des Chevaliers du Goûte-Boudin" zu der "Académie des Confréries Gastronomiques du Duché de Normandie-Maine" der noch 19 andere Bruderschaften angehören.
Confrérie des Chevaliers des Rillettes Sarthoises de Mamers (Rillettes)
Confrérie Gourmande du Cochon de Bayeux (Schwein)
Confrérie Les fins Goustiers du Duché d'Alençon
(Weißwurst)
Confrérie des Amateurs de Cuisine ancienne
(alte Gerichte)
Confrérie de la Tripière d’Or (Kutteln)
Confrérie des
Mouögeous d’carottes de Crianches (Möhren)
Confrérie des Huître
Normande et des Saveurs Océanes (Austern)
Confrérie Les Talmeliers du bon pain de France (Brot)
Confrérie Les Goustes-Bourlelots du Bocage
Athisien (Gebäck)
Confrérie Les Compagnons du Boudin Blanc
d'Essay (Weißwurst)
Confrérie Les Goustiers de Falaise (Würste)
Confrérie de La Tripière Fertoise de la Ferté
Macé (Kutteln)
Confrérie de Gastronomie de Flers (Leberwurst)
Confrérie Les Gastronomes de la Teurgoule de
Normandie (Gebäck)
Confrérie Les fins Gourmets de Longny-au-Perche
(Kutteln, Terrinen)
Confrérie Cassine des Chevaliers de St Jacques
de Montebourg (Jakobsmuscheln)
Confrérie des Ventres à Brioches de Moulin la
Marche (Napfkuchen)
Confrérie des fins Gourmets du Pré-Bocage de Noyers-Bocage
(Landterrine)
Angeschlossen durch einen
Partnerschaftsvertrag :
Grand Ordre du Trou Normand (Calvados)
Confrérie Chevaliers du Pont L’Evêque (Käse)
Confrérie des Chevaliers du Camembert (Käse)
Commanderie de St
Vincent de Normandie Bretagne « Le
Mont St Michel »
Confrérie de la Véritable Andouille de Vire
Einmal im Jahr tritt die gesamte
Bruderschaft zusammen. Das ist « le Chapitre ». Die "Confrérie
des Chevaliers du Goûte-Boudin" eine Woche oder vierzehn Tage nach dem
Wettbewerb. Die « Dignitaires » (Würdenträger) tragen dann ihre
Trachten. Die Vertreter benachbarter, befreundeter Bruderschaften werden dazu
eingeladen, ebenfalls mit ihren Trachten. Zunächst wird ein Umzug durch die
Stadt veranstaltet. Dann findet die « Intronisation », also die
Ritterweihe, statt: die neuen Mitglieder werden zum « Blutwurstritter »
geschlagen. Mitglied wird man auf Antrag oder auf Vorschlag eines « Dignitaire ».
Der Kandidat wird von einem Paten oder vom Großmeister selbst vorgestellt, er
wird über seinen Beruf, Namen, Wohnort über seine Familienverhältnisse befragt,
damit die Anwesenden wissen, wer er ist, dann muss er schwören, mindestens
einmal in der Woche Blutwurst zu essen, welcher Eid von allen anstandslos
geleistet wird. Der Impetrant muss ein Stückchen rohe Blutwurst verkosten, und
dann gibt ihm der Großmeister den Ritterschlag, indem er ihm mit dem Bratspieß
auf die beiden Schultern schlägt. Dabei sagt er : «Bei Hiram, dem König
von Tyr und den Phöniziern, den Erfindern der Blutwurst, bei Lucullus, dem
Meister der Kochkünste, schlage ich dich zum Blutwurstritter«.
Dann werden dem neuen Mitglied eine Urkunde und
eine Medaille ausgehändigt, für die er einen einmaligen Mitgliedsbeitrag
entrichtet hat. Nach der Zeremonie findet ein grosses Festessen statt, bei dem
es natürlich nicht an Blutwurst fehlen darf, und das als Gesellschaftsabend
endet. Die Verleihung der Preise findet dann am nächsten Tag, am Sonntag Nachmittag
statt: das geschieht so, weil die französischen Metzger am Sonntag Morgen ihre
Geschäfte bis ein Uhr geöffnet haben und, besonders, wenn sie von weither
kommen, nicht vor drei oder vier Uhr da sein können, außer sie lassen sich im
Geschäft vertreten. Für die ausländischen Bewerber ist es umgekehrt ;
viele kommen extra nach Mortagne, um sich ihren Preis aushändigen zu lassen
und müssen aber bereits am Tag darauf wieder im Geschäft sein. Auf Wunsch
kann der Preis auch bereits am Samstag abend, während des Festessens überreicht
werden.