Mortagne-au-Perche und die Blutwurstmesse


"Die wahre große Gastronomie ist eins mit der Geschichte"

Mortagne-au-Perche könnte mit diesem Ausspruch seine adelige Herkunft belegen, denn die Geschichte der Blutwurst geht auf die frühesten Zeiten zurück. Maurische Eroberer sollen diese am Euphrat und am östlichen Mittelmeer geschätzte kulinarische Spezialität eingeführt haben, als sie durch die Landschaft Perche zogen. Sie errichteten ein Lager auf einer Anhöhe, die dann Mauritania, später Mortagne genannt wurde.

            Im Mittelalter verbreitete sich die Herstellung der Blutwurst, so dass der Ruf der Stadt bis in die Champagne und bis zu den Märkten von Flandern drang. Am Ende des dreißigjährigen Krieges nahmen die Engländer das Rezept auf ihre Insel mit, und als in den Religionskriegen die Hugenotten aus Frankreich vertrieben wurden, wurde diese Speise auch in die alemannischen Länder eingeführt, wo sie zwar schon bekannt war, aber anders zubereitet wurde. Die Tradition der Blutwurst blieb vor allem auf dem Land erhalten, wurde durch vielfältige Erfahrungen und Versuche bereichert, und hat heute wohl ihren höchsten Grad der Vollkommenheit erreicht.

            Mortagne war schon immer ein bedeutender Marktplatz und jedes Jahr fand in der Mitte der Fastenzeit ("à la mi-Carême") eine große Messe statt. Als es nach dem zweiten Weltkrieg galt, sie wieder ins Leben zu rufen, erinnerte sich einer der Organisatoren, dass auf einer alten Landkarte Frankreichs, auf der die verschiedenen regioalen Spezialitäten angegeben wurden, bei Mortagne "gekochtes Blut" stand. So lag es nahe, die Messe mit der Blutwurst zu verbinden, und die erste Blutwurstmesse ("Foire au Boudin") fand im März 1963 statt.

            Um die Idee eines Wettbewerbs zu verwirklichen, wurde eine Bruderschaft, Confrérie des Chevaliers du Goûte-Boudin (die Bruderschaft der Blutwurstschmecker – eigentlich : « der Blutwurstritter ») gegründet, die es sich zum Ziel machte, sich für die Verteidigung dieses edlen Erzeugnisses einzusetzen, und diese volkstümliche Speise durch einen Wettbewerb zu fördern, der jedes Jahr anlässlich der Blutwurstmesse stattfinden sollte. Für die Mitglieder der Bruderschaft wurden Trachten konzipiert (rot wie das Blut, schwarz wie die gegrillte Blutwurst, weiß wie der Speck). Die Gründungssitzung fand in Mortagne im "Hotel du Tribunal" statt. Es wurde der erste Vorstand gewählt und der erste "Grand Maître" (Großmeister) konnte sein Amt antreten.

            Nachdem der Wettbewerb anfänglich unter den Metzgern von Mortagne stattgefunden hatte, wurde er zunächst auf die Region ausgeweitet, allerdings unter Ausschluss der Mortagner Metzger, "die ja sowieso die beste Blutwurst erzeugen", aber dafür als Oberrichter die letzte Instanz bilden durften (sie bestimmen unter den Gewinnern der verschiedenen Regionen den nationalen Preisträger); dann dehnte sich der Wettbewerb auf ganz Frankreich aus, und hat heute schon längst die Landesgrenzen überschritten.

            Um der Vielzahl und der Verschiedenheit der Produkte gerecht zu werden, ist Frankreich in 7 Regionen aufgeteilt, und jede Region wird von einer Jury betreut. Jede Jury besteht gewöhnlich aus vier Personen, unter denen sich nur ein einziger Metzger befindet, dessen Aufgabe es ist, die anderen fachmännisch zu beraten. Wenn für die 7 Regionen die Preisträger festliegen, treten die Metzger von Mortagne zusammen und bestimmen unter den 7 Gewinnern den Hauptgewinner des Jahres für Frankreich. Deutschland, Österreich, England und Irland usw., bilden jeweils eine Region für sich. Unter den Gewinnern bekommt derjenige der auslänischen Metzger "le grand Trophée international" (die große internationale Trophäe), der in einer Kategorie die höchste Punktzahl erreicht hat, und dann unter den verschiedenen Preisträgern als Endsieger bestimmt wird.

            Was Deutschland und Österreich betrifft, die derzeit zusammen ein gutes Drittel der eingesandten Proben darstellen, so sind für den Wettbewerb drei verschiedene Kategorien der Wurstzubereitung festgelegt worden :

- zuerst natürlich die der traditionellen Blutwurst nach französischer Art (zum Grillen oder Braten) ;

- dann die der bluthaltigen Würste nach deutscher Art ;

- schließlich die der Innovationen, der Kreativität und der nicht-traditionnellen Zubereitungen. Für jede Kategorie gibt es einen Pokal, eine Goldmedaille, eine Silbermedaille und eine Bronzemedaille - wobei ein Metzger in jeder Kategorie nur einen einzigen, nämlich den höchsten ihm zustehenden Preis erhalten kann.

            Die Besonderheit dieses Wettbewerbs besteht also darin, dass die Mitglieder der Jurys bis auf einen keine Fachleute, sondern ganz einfache Verbraucher sind (die Ware wird ja nicht für andere Fleischer hergestellt, sondern für die Kunden und deren Bewertung ist ja maßgebend), die es sich zum Ziel gesetzt haben, eine besondere Speise in Ehren zu halten, die große Vielfalt der Blutwurst in Frankreich und in Europa zu würdigen und die uralten Rezepte wieder ins Leben zu rufen, aber darüber hinaus die Landschaft Perche auch mit allen ihren anderen Erzeugnissen und ihrem besonderen Reiz nach außen hin bekannt zu machen.